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07.12.2020

Digitale Spaltung zwischen den Generationen?

Digitale Spaltung zwischen den Generationen?


Gibt es eine digitale Spaltung zwischen den Generationen?

Um zu klären, ob eine digitale Spaltung zwischen den Generationen vorliegt und welche Konsequenzen diese für das ehrenamtliche Engagement hat das Bundesnetzwerkes Bürgerschaftliches Engagement vertreten durch die AG Digitalisierung und Bürgerschaftliches Engagement um die Sprecher*innen Friederike Petersen (Stiftung Bürgermut), Sophie von Schierstaedt (Stiftung Bildung) und Patrick Ney (Landeshauptstadt Hannover, Fachbereich Senioren) zwei Inputgeber*innen eingeladen.

Die Perspektive der Älteren führte Nicola Röhricht von der Bundesarbeitsgemeinschaft der Seniorenorganisationen (kurz BAGSO) aus. Diese vertritt 120 Mitgliedsorganisationen und ist die Interessenvertretung für ältere Menschen. Als Vertreter für die junge Generation sprach Michael Scholl vom Deutsche Bundesjugendring (kurz DBJR). Der DBJR arbeitet mit mehr als 50 Mitgliedsorganisationen zusammen und vertritt die Interessen der Kinder und Jugendlichen.

Im ersten Abschnitt gaben die Inputgeber*innen Statements zu ihren Themen ab, welche durch die anschließende Diskussion mit den Workshop Teilnehmenden ergänzt und konkretisiert.

Perspektive »Alt« – Auszüge aus dem Impuls von Nicola Röhricht (BAGSO)

Laut Digitalindex der Bitkom (2019) sind in Deutschland 12 Millionen Menschen offline, also nicht im digitalen Raum aktiv, davon sind 9 Millionen Menschen über 60 Jahre alt. Obwohl ältere Menschen in höherer Anzahl offline sind, lässt sich die digitale Spaltung nicht nur auf »die Alten« begrenzen. Die digitale Spaltung verläuft zwischen allen Generationen. Große Unterschiede gibt es vor allem in Bezug auf den sozialen Status, Bildung sowie Zugang zu digitaler Technik und Breitbandanschluss. Weiterhin lässt sich konstatieren, dass zwar viele jüngere Menschen und zunehmend mehr ältere Menschen digital aktiv sind – doch die digitale Souveränität mit Merkmalen wie der digitalen Kompetenz ist in der Bevölkerung durchschnittlich verteilt. Dem Digital Index von D21 (2020) zufolge liegt der Digitalisierungsgrad bei 58 von 100 Punkten. Vor allem die Altersgeneration 75+ hat Nachholbedarf, das zeigt sich auch an Bildungsangeboten. Zudem wird auch die Generation 40 bis 60 Jahre häufig vergessen. Angebote zu Digitalisierung innerhalb der Erwachsenenbildung sind begrenzt.

In Deutschland gibt es über 400 Gruppen, die digitale Kompetenzen vermitteln, häufig von Älteren an ältere Menschen. Teilweise gibt es im Schulbereich Angebote, bei denen junge Menschen ältere Menschen digital unterstützen. Damit sind sie auch Treffpunkte für niedrigschwellige Begegnung. Diese Gruppen sind unterschiedlich organisiert – als Verein, Initiative, kommunal, Mehrgenerationenhaus oder Seniorenbüro – oft in prekären finanziellen, räumlichen und technischen Situationen. Unter diesen Bedingungen ist die Anzahl der Gruppen beachtlich.

Noch immer findet das Engagement Älterer mehrheitlich im realen Raum statt, doch es gibt zahlreiche Beispiele, wie auch ältere Menschen sich digital engagieren. Dabei verbinden sie oft die Vorteile der analogen mit der digitalen Lebenswelt. Das passiert beispielsweise, wenn Ältere für eine Petition Unterschriften mit einem Aushang sammeln und gleichzeitig im Internet Unterstützer*innen suchen. In einem anderen Beispiel haben einige Ältere bei einem Bürgerbegehren digital ihre Meinung geteilt und andere wiederum über die analoge Lokalzeitung. Durch die Verknüpfung analoger und digitaler Werkzeuge können die Zielgruppen noch besser erreicht werden und damit am gesellschaftlichen und digitalen Leben teilhaben. Folglich können durch diese Form der Beteiligung auch soziale Ungleichheiten bearbeitet werden.

Doch damit ältere Menschen digitale Möglichkeiten erfahren und nutzen können, braucht es mehr Aktivitäten im Bereich Bildung und Medienkompetenz. Niedrigschwellige (digitale) Erfahrungsorte, die von hauptamtlichen didaktisch fähigen Menschen begleitet werden, können hier unterstützen. Mit Projekten wie wissensdurstig.de und digital-Kompass.de unterstützt die BAGSO hierbei. Ergänzend dazu gibt es rein digitale Unterstützungsangebote der Digital-Kompass-Standorte.

Perspektive »Jung« – Auszüge aus dem Impuls von Michael Scholl (DBJR)

Der DBJR sieht ebenfalls keine digitale Spaltung zwischen den Generationen – eher einen Graben zwischen digital affin und weniger digital affin. Die Erkenntnis aus dem Dritten Engagementbericht, dass die bestehenden Formen des Engagements nicht durch digitale Formen ersetzt werden, zeigt sich auch in der Praxis. Knapp zwei Drittel der Jugendlichen zwischen 14 und 27 Jahren sind in Vereinen und Verbänden real engagiert. Das liegt zum Teil an unzureichendem Netzausbau im ländlichen Raum, eingeschränktem Zugang zu digitaler Technik, begrenztem Datenvolumen sowie fehlenden Angeboten zum Kompetenzerwerb. Obwohl die jüngeren Generationen zu den digital natives zählen, sind sie in ähnlichem Ausmaß wie ältere Menschen von Ausgrenzung betroffen. Damit wächst die Sorge, dass Potenziale nicht genutzt werden können und sie drohen, den Anschluss zu verlieren.

Trotz unterschiedlicher digitaler Kompetenz in der jüngeren Generation üben knapp 40 Prozent ihr Engagement teilweise bis vollständig mit digitalen Medien aus. Rund 25 Prozent der jungen Menschen finden den Einstieg in gesellschaftliches Engagement über das Internet. Es sind vor allem die Themen Datenschutz und Datensouveränität, Bekämpfung von Hate Speech und das Zusammenleben in einer digitalisierten Welt, die junge Menschen im digitalen Engagement interessieren. Deshalb verfügen viele Organisationen über eine Internetseite und Social Media Präsenz, um die jüngeren Zielgruppen zu erreichen. Darüber hinaus sind viele Organisationen unzureichend digital entwickelt.

Der DBJR befasst sich seit einigen Jahren mit digitaler Jugendarbeit, damit die Zielgruppe aktiv den Prozess der gesamtgesellschaftlichen Digitalisierung mitgestalten kann. Im Projekt jugend.beteiligen.jetzt werden u. a. kostenfreie digitale Werkzeuge wie Nextcloud, Jitsi Server oder Etherpads zur Beteiligung und digitalen Teilhabe bereitgestellt sowie Datensouveränität gefördert.

Damit diese Aktivitäten ausgebaut werden können, braucht es u. a. eine Strukturförderung für die Digitalisierung des Engagementsektors, flächendeckende gleiche Voraussetzungen und Zugangsmöglichkeiten für Engagement, Organisationsentwicklungsprogramme sowie die Befähigung ehrenamtlicher und hauptamtlicher Jugendgruppenleitungen.

Der digital divide verläuft nicht zwischen den Altersgruppen

Zusammenfassend aus beiden Beiträgen lässt sich kein digital divide zwischen den Generationen feststellen. Vielmehr sind es Strukturen auf der Mikroebene wie individuelle Digitalkompetenz, auf der Mesoebene Faktoren wie der digitale Entwicklungsgrad sozialer Organisationen sowie auf der Makroebene flächendeckende Bildungsangebote und digitale Infrastruktur initiiert durch Politik, die einen hohen Einfluss auf digitale Spaltung haben. Auch digitale Systeme in Form von Algorithmen können das Ungleichgewicht verstärken. Daher ist es wichtig, Menschen auf allen drei genannten Ebenen digital zu befähigen und zusammen mit digitalen Vorreiter*innen den analogen und digitalen Raum zu ge-stalten. Nötig sind lebenslanges Lernen sowie Gestalter*innen und Brückenbauer*innen für (digitales) Engagement.

In der Zusammenarbeit der Generationen steckt Potential

Auch in der darauffolgenden Diskussion wurde bekräftigt, die intergenerative Erfahrung aus der analogen und digitalen Welt zu kombinieren sowie integrative, niedrigschwellige Bildungsformen vorzuhalten. Dafür braucht es im beruflichen, im non-formalen und informellen Bildungsbereich Erfahrungs- und Lernräume, die neben digitaler Kompetenz auch die kritische Reflexion fördern. Diese Fähigkeiten werden auch das (digitale) Engagement beeinflussen.

Als weiterer Punkt wurde benannt, dass junge Menschen zwar vielfach einen Nutzungsvorsprung im Digitalen haben, aber nicht immer in der kreativen Gestaltung und häufig nicht in der Sensibilität in Datenschutzfragen.

In der Zusammenarbeit der Generationen steckt Potential, um gemeinsam das Engagement digital-kreativ zu gestalten, um bspw. neue Ehrenamtliche zu gewinnen. Ein Beispiel hierfür ist der Digitale Werkzeugkasten für Kulturfördervereine des DAKU. Durch die Zusammenarbeit werden die jeweiligen Zielgruppen noch besser adressiert und ihre Bedarfe berücksichtigt sowie neue Engagementfelder geschaffen.

Die Annahme besteht, dass sich in Zukunft die Kompetenzunterschiede kaum verringern werden. Es wachsen zwar mehr Generationen digital auf, doch die jungen Menschen erfahren aktuell wenig Bildungsangebote zu digitaler Souveränität und Medienkompetenz.

Digitalisierung wird zivilgesellschaftliche Organisationen nicht verdrängen, sondern kann ihnen mehr Gestaltungsspielraum in Veränderungsprozessen geben. Vor allem zivilgesellschaftliche Organisationen und das Engagement selbst werden durch den digitalen Wandel beeinflusst. Einen digitalen divide gibt es vor allem bei den Organisationen. Während einige Organisationen bereits eine Vorstellung haben, wie Digitalisierung das Engagement beeinflusst und aktiv gestalten kann, befinden sich andere noch in der Orientierung.

Eine Herausforderung ist, dass es aktuell weniger Organisationen mit einem digitalen Engagementangebot oder digitaler Engagementvermittlung gibt, aber mehr Engagierte, die danach suchen. Beispielsweise verändert sich das Engagement durch vermehrte Nachfrage von kurzfristigen Engagementmöglichkeiten, was sich am besten über Plattformen abbilden lässt. Rein digital Engagierte, die so ihr Engagement zeitlich und räumlich oft besser abstimmen können, sind in verschiedenen Engagementfeldern denkbar, von digitaler Öffentlichkeitsarbeit über Administrationstätigkeiten und Verwaltungsarbeiten. Gerade mit kleineren digitalen Engagements kann ein Einstieg in ein längerfristiges, auch analoges Engagement gelingen.

Es gab einige Ideen, wo der digital divide verläuft, wenn auch nicht zwischen den Generationen. Neben den oben thematisierten Hürden waren das Sprache (dem deutschen Diskurs oder den oft englischen Digitalausdrücken und Anleitungen folgen zu können), Geld für eine entsprechende technische Ausstattung und die allgemeine Bildungsbiografie der Einzelnen. Doch auch technische Systeme wie Algorithmen können die Spaltung vergrößern. Denn sie haben ältere und junge Menschen nicht primär im Fokus oder Menschen mit Behinderungen. Offene Diskussionsfragen waren u. a.: Gibt es ein Recht auf offline-Engagement? Was müssen wir tun, um Engagement über digitale Möglichkeiten zu stärken?

Erschienen im Newsletter Nr. 24 vom 3.12.2020 des Bundesnetzwerkes Bürgerschaftliches Engagement